Klima und Ökologie - Überlegungen aus buddhistischer Sicht...




Seit einiger Zeit setzten sich die Buddhisten intensiv mit dem Klimawandel auseinander. Diese Diskussion findet innerhalb der Buddhistischen Union Frankreichs statt, so zum Beispiel bei einer buddhistischen Tagung, die vergangenen Monat in Paris stattgefunden hat, aber auch bei anderen politischen und interreligiösen Veranstaltungen (Senat, Konferenz der Vorsitzenden der in Frankreich vertretenen Religionsgemeinschaften). Sie bereiten auch die Weltklimakonferenz vor, die im November in Paris stattfinden wird (COP 21).                       



Mirai Takahashi
Der Austausch der Buddhisten über den Klimawandel wird in nächster Zeit zu konkreten Aktionen führen, über die wir sie auf dem Laufenden halten werden. Natürlich sind Ihre Vorschläge und Meinungsäußerungen uns willkommen!          

Rede von Meister Olivier Wang-Genh, dem Präsidenten der Buddhistischen Union Frankreichs, während des Kolloquiums "COP21-das Klima: eine Herausforderung an die Religionen?"

Gehalten am Donnerstag, 21. Mai 2015 im französischen Senat.

BESTANDSAUFNAHME

Das Phänomen des Klimawandels beobachtet die Menschheit seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Ende der 80er Jahre richtete die UNO eine internationale Expertengruppe ein zur Erforschung der Klimaentwicklung. Diese legte in den Jahren 1990 bis 2007 vier Expertisen vor, die einheitlich zu einem Ergebnis kommen: der globale Klimawandel ist zum größten Teil menschgemacht.
Theorien, die das Gegenteil behaupten, verleugnen entweder die Realität oder verfolgen wirtschaftliche oder politische Interessen. Den Umgang des Menschen mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen – die wahre Ursache des Klimawandels – wollen wir unter einem buddhistischen Blickwinkel beleuchten.
Dazu greifen wir auf die wesentlichen über 2000 Jahre alten Lehren des historischen Buddha in Nordindien zurück. In einer immer komplexer werdenden Welt scheint es uns dringend geraten, zu grundlegenden Prinzipien zurückzukehren, von denen die großen Weisen der Vergangenheit eine Intuition hatten, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder bestätigt wurde.
Buddhas erste Beobachtung lautet: alles, absolut alles im Universum ist UNBESTÄNDIG. Mit anderen Worten, NICHTS ist stabil, NICHTS ist erstarrt NICHTS bleibt für immer. ALLES, was erscheint, vergeht wieder.
Das gilt für eine Kerzenflamme, für das Wetter, das ist wahr für eine im Laufe der Jahrtausende erodierende Gebirgskette und auch für den Menschen sowie jede einzelne Zelle des menschlichen Körpers. So wird eine Änderung der klimatischen Gegebenheiten oder die Aussicht darauf für Buddhisten nicht als ungewöhnlich empfunden, sondern vielmehr als die allen Dingen innewohnende Natur. Eine Feststellung so selbstverständlich wie rar. Sich dieser Unbeständigkeit tatsächlich bewusst werden heißt, dass man nicht länger so handeln kann, als wären die natürlichen Ressourcen unendlich und als würden die heutigen Umstände ewig dauern.
Buddhas zweite Beobachtung betrifft die allseitige Verbundenheit in dieser Welt: NICHTS erscheint, wenn die notwendigen Bedingungen dafür nicht gegeben sind. Alle Dinge, ob sie materiell, psychisch, emotional oder spirituell sind, sind von Natur aus bedingt.
Unser sogenanntes „Klima“ ist Ergebnis einer Unendlichkeit von Ursachen und Bedingungen, die für eine bestimmte Zeitspanne die „klimatischen Gegebenheiten“ oder allgemein das Klima einer Epoche bilden.
Somit veranschaulicht das Beispiel des Klimas sehr gut diese allseitige Verbundenheit. Diese Realität impliziert, dass wir „global“ funktionieren, d.h. in Einheit mit Allem. Vom Menschen UND der Natur oder vom Menschen UND seiner Umgebung zu sprechen verrät dem Buddhisten die anthropozentrische Sichtweise des Sprechers. Die klar eine Quelle unzähliger Missverständnisse und Verzerrungen ist.
Der Mensch ist EINS mit der Natur, mit der Luft, die er atmet, mit dem Wasser und der Nahrung, die er zu sich nimmt, mit der Gesamtheit der Mineralien, der Pflanzen und natürlich der Tiere. Der Mensch ist EINS mit dem Universum, EINS mit dem Leben. Und eine der schönsten Ausdrucksformen dieses Lebens sieht der Buddhist in der menschlichen Gestalt.
Wir wissen aber, dass ein lediglich intellektuelles Verständnis dieser Prinzipien nicht ausreicht. Erst die echte Erfahrung spirituellen Erwachens lässt sie uns in unser Leben integrieren.

URSACHEN

Vergessen oder ignorieren wir diese Prinzipien der Unbeständigkeit und der allseitigen Verbundenheit, ist der Nährboden gelegt für unstillbares Verlangen, für Gier, das tiefe Gefühl des Unbefriedigtseins oder des Mangels, mit einem Wort dieser unstillbare, menschentypische Durst.
Schon Mahatma Gandhi - kein Buddhist, sondern ein Hinduist - sagte: „Im Universum gibt es von allem genug, um die Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen, aber nicht genug, um seine Gier zu stillen.“ Unsere unbefriedigte Gier steht am Ursprung jeglicher Wut.
UNWISSENHEIT, GIER, WUT – die sogenannten drei Gifte im Buddhismus. Diese drei Gifte infiltrieren das menschliche Bewusstsein und drängen es dazu, auf unverantwortliche Weise zu handeln, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Eine Quelle zahllosen Leidens auf der Welt.
Heute, mit 8 Milliarden Einwohnern auf unserem Planeten, haben egoistisch und individualistisch motivierte Handlungen ein derartiges Ausmaß erreicht, dass es unerträglich ist und sichtbare und messbare Konsequenzen nach sich zieht. Angesichts all der Schäden erstellen wir immer noch Gutachten, Annahmen und Prognosen. Wir denken immer noch nach, anstatt endlich zu handeln!
Gemäß dem bekannten Sprichwort: „Am blindesten ist der, der nicht sehen will“, machen uns kurzfristige finanzielle Interessen und die Logik des wirtschaftlichen Wachstums um jeden Preis blind gegenüber unseren eigenen Exzessen- zügelloser Konsum, Verschwendung, Überproduktion, Müllberge... Das grausamste Bespiel ist sicher unser Umgang mit Tieren. Der buddhistische Mönch Mathieu Richard führt in seinem kürzlich erschienenen Buch die haarsträubende Zahl von „60 Milliarden Landtieren und 1.000 Milliarden Seetieren“ an, die jährlich dem unersättlichen Appetit des Menschen geopfert werden. Was für eine Riesen-Illusion zu glauben, das ginge ewig so weiter und was für eine ungeheuerliche Lüge, das andere glauben machen zu wollen!
Buddha sagte: „Nicht in der Luft, nicht mitten auf dem Ozean, nicht tief in den Bergen, in keinem Teil dieser weiten Welt gibt es einen Ort, wo der Mensch sich den Konsequenzen seiner Taten entziehen könnte.
Diese über 2.000-jährige Wahrheit gilt heute um so mehr in Zeiten der Boeings und des Internet, die diese „weite Welt“ in ein großes Dorf verwandelt haben.

 

AUSWEG

Für alle diese wohlbekannten Probleme zeigt uns Buddha ganz konkrete Lösungswege auf: MEDITATION, ETHIK, Vorschriften und Lebensregeln, STUDIUM der alten Schriften, aber auch viele ganz praktische Handlungsanweisungen und Erkenntnisse, die sich mit unser aller Alltagserfahrungen decken. So könnte man den „Buddhismus“, eine Wortschöpfung des 19. Jahrhunderts, auch als „die Religion des Alltags“ bezeichnen. Der einzige Ort der Praxis für einen „Buddhisten“ ist sein eigenes Leben.
In jeder Handlung des alltäglichen Lebens drückt sich die Buddha-Lehre aus.
Intellekt und Verständnis beschneiden und beschränken nur zu leicht das unendlich weite Feld der Realität - allein die Erfahrungen unserer alltäglichen Handlungen vermögen unser Bewusstsein zu wecken für unsere ungeahnten Fähigkeiten zur Wandlung und zum Handeln in einem größeren Zusammenhang.
Der Dalai Lama sagte einmal verschmitzt: „Wenn Sie meinen, zu klein zu sein, um etwas verändern zu können, dann versuchen sie einmal mit einer Stechmücke in einem Zimmer zu schlafen und Sie werden sehen, wer den anderen vom Schlafen abhalten wird.“

Natürlich gewinnen unsere Gewohnheiten und Prägungen schnell wieder die Oberhand. Deshalb ist die Praxis sehr wichtig. Eine tägliche Praxis, vom Körper ausgehend. Daher die zentrale Stellung der buddhistischen Vorschriften. Sie entsprechen den Vorschriften aller großen Religionen: nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen usw.
Diese Vorschriften haben eine kollektive, bürgerschaftliche Dimension: Jede menschliche Gesellschaft braucht Regeln, die das Zusammenleben ermöglichen. Aber es gibt eine vielleicht noch wichtigere persönliche Dimension. Die Vorschriften können wie ein persönlicher Schutz verstanden werden - gegen unsere Nachlässigkeit und Leichtfertigkeit.
Die Nachlässigkeiten, die ich meine, sind alle diese kleinen Handlungen, denen wir, mangels Aufmerksamkeit und Bewusstheit, keine Bedeutung beimessen. All die Worte, die wir aussprechen, ohne zu verstehen, dass auch sie Schaden anrichten können. Aber auch all die Gedanken, die negativen Gefühle, denen wir jeden Tag viel Platz einräumen, ohne ihre zerstörerischen Folgen zu bedenken.
Diese Nachlässigkeiten kommentieren wir im Alltag unzählige Male: „nicht so schlimm“ oder „nicht so wichtig“. Das Licht nicht auszuschalten, Nahrungsreste fortzuwerfen, Verpackungen in der Natur liegen lassen, mehr einkaufen als wir brauchen… All diese läppisch kleinen Dinge, die augenscheinlich ohne Folgen sind. Nur dass … 8 Milliarden mal „nicht so schlimm“, hunderte Male am Tag, über mehrere Jahrzehnte hinweg, schließlich Gletscher zum Schmelzen bringen, Meeresströmungen verändern, Wüsten und vertrocknete Meere schaffen, alle zwanzig Minuten eine Tier- oder Pflanzenart aussterben lassen…
Der Mensch hat augenscheinlich ein wirklich erstaunliches Vermögen: Wie gelingt ihm mit seiner außergewöhnlichen Intelligenz und seinen einzigartigen Fähigkeiten nur eine solche Inkonsequenz? Vor allem durch seinen Mangel an Aufmerksamkeit und Präsenz. Die von Buddha verkündeten drei reinen Gebote lehren: „Nichts tun, was Schaden verursacht. Dinge tun, die Gutes bewirken. Immer zum Wohl der anderen handeln.“
Als ein großer Gelehrter dies hörte, sagte er: „Lächerlich! Selbst ein fünfjähriges Kind versteht das!“. Woraufhin ein alter Meister ihm antwortete: „ Das stimmt. Selbst ein Kind versteht das, aber selbst für einen alten Mann ist es schwer, das umzusetzen.“

 

ZUR TAT SCHREITEN 


Ein klares Verständnis der allseitigen Verbundenheit im Universum und unserer individuellen Verantwortung weckt in uns ganz natürlich Altruismus und Wohlwollen für den anderen, führt uns zu Gewaltlosigkeit, zur Aufgabe unseres illusorischen Ego mit all seinen Mechanismen, führt uns unsere Verantwortung für unser Handeln als Individuum vor Augen.
Egoismus, Individualismus und Egozentrismus finden keinen Nährboden mehr, das Erwachen zur Realität des Augenblicks macht uns unempfindlich gegenüber falschen Ideologien und extremen Sichtweisen. Buddhas „Weg der Mitte“ mündet ganz natürlich in ein gewaltfreies oder besser „unschädliches“ Verhalten, führt den Menschen an einen Platz der Harmonie, des friedvollen Daseins und des Respekts, des umfassenden Bewusstseins, letztendlich der Verantwortung.
Zu einer Zeit, wo die Schuld an all unserem Unglück dem Anderen, dem Fremden, der Krise, der Regierung, Europa, der Klimaänderung… angelastet wird, ist das Erwachen zu unserer eigenen individuellen Verantwortung der Schlüssel!
Buddha hält eine Botschaft der Hoffnung und des Optimismus bereit: unter jedweden Lebensumständen vermag der Mensch die Dinge zu ändern, natürlich nur, wenn er gute Bedingungen schafft. Die wichtigsten wären:
die Erziehung der neuen Generationen
unseren Kindern und unserer nahen Umgebung mit gutem Bespiel vorangehen
Intellektuelles Verstehen und allzu rationale Erziehung in blindem Vertrauen auf die Wissenschaft sind an ihre Grenzen gestoßen – ohne Ethik ist jedes Wissen unvollständig, - ohne Weisheit und Spiritualität kann Wissenschaft gefährlich werden, - ohne Altruismus und Großzügigkeit verkümmern die schönsten Ideale im Elfenbeinturm.
Jetzt ist aber nicht die Zeit, um in einen naiven Optimismus zu verfallen, wir wissen sehr gut, dass all das nicht ausreichen wird. Denn nicht große Prinzipien oder schöne Erklärungen, sondern eher schmerzhafte Erfahrungen und Katastrophen sind die Katalysatoren für Änderung und Bewusstwerdung. Der große Ehrwürdige Thich Nat Hanh sagt: „Jeder von uns kann zum Schutz unseren Planeten beitragen. Unsere Lebensweise ist der Garant für die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Unsere Lebensweise ist unsere Botschaft.“ Es gilt eine einfache Sache zu verstehen: WIR SIND DAS KLIMA! Und wenn wir den angestoßenen Prozess verändern wollen, müssen wir zuerst uns selbst ändern. Uns selbst ändern bedeutet vor allem, unser Verhalten und unsere Gewohnheiten zu ändern. Im Land der „MenschenRECHTE“, in dem in einigen Monaten diese entscheidende Konferenz tagen wird, sollten wir darüber nachdenken, wie wir zum Land der „MenschenPFLICHTEN“ werden, zu dem der menschlichen Verantwortung, um unserem Platz im Universum gerecht zu werden.

Olivier Reigen Wang-Genh

 

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