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Meister Wansongs Kommentare zum Shoyoroku


Geschichtliche Hintergründe

 

Das Shoyoroku (chinesisch „Ts’ung-jung-lu) wurde von Meister Wansong Xingxiu (1166-1246) verfasst. Wansong praktizierte mit Meister Xueyuan, einem Nachfolger in der sechsten Generation der Linie von Fuyo Dokai. Um den Ursprung des Shoyoroku und seine Bedeutung für den Soto-Zen zu verstehen, muss man die Entwicklung des Chan in China vom sechsten bis dreizehnten Jahrhundert, in dem es geschrieben wurde, verstehen. Diese sieben Jahrhunderte kann man in drei große Zeitabschnitte unterteilen. Der erste, vom sechsten bis achten Jahrhundert (Tang-Dynastie) begann mit Bodhidharmas Ankunft in China. Es ist die Zeit der Gründerväter des Chan: Eka, Sosan, Doshin, Konin und dem sechsten Patriarchen Daikan Eno als Abschluss. Die zwei wichtigsten Nachfolger von Eno waren Nangaku Ejo und Seigen Gyoshi, die am Anfang aller großen nachfolgenden Linien stehen.

 

Während des zweiten Abschnitts, der vom achten bis zehnten Jahrhundert dauert (das entspricht der sogenannten Zeit der „Fünf Dynastien“), entstanden und verbreiteten sich zahlreiche Linien. Viele von ihnen verschwinden wieder, aber einige sind am Ursprung der später entstehenden fünf großen Schulen des Chan. Es ist die Zeit der ersten berühmten Texte, wie zum Beispiel des Sandokai und des Hokyozanmai, und vor allem einer außergewöhnlichen Kreativität, wenn es darum geht, die Lehre in Worte zu fassen. Meister wie Nangaku, Sekito, Tokusan, Baso, Yakusan, Tozan, Hyakujo, Seppo, Rinzai, Nansen und Joshu, um nur die uns Bekanntesten zu nennen, haben jeweils eine eigenständige Unterweisung und Ausdrucksweise entwickelt.

 

So haben Tozan und Sozan, die als Begründer der Soto-Zen-Schule gelten, eine große Anzahl berühmter Formulierungen geschaffen, zum Beispiel die fünf Reihen (Go I), die drei Wege, die drei Stürze, die drei Fluchten usw. Alle diese verschiedenen Formulierungen und Ausdrücke sollten es den Schülern ermöglichen, die Fallen des intellektuellen Verständnisses zu vermeiden, indem man sie die ausgetretenen Pfade ihres bisherigen Verständnisses verlassen und zur Wirklichkeit des Buddha-Wegs erwachen lässt. Die Mehzahl dieser Meister stand großen Gemeinschaften von manchmal mehr als tausend Mönchen vor. Einige hatten eine beeindruckende Anzahl von Dharma-Nachfolgern. So gab Seppo fünfzig seiner Schüler das Dharma weiter.

 

Dieser Zeitraum wird das „Goldene Zeitalter“ des Chan genannt, denn damals entstanden die fünf Schulen oder „Fünf Häuser“ des Chan: Hogen, Ummon, Igyo, Soto und Rinzai. Die Geschichten und Anekdoten über die Patriarchen und Gründermeister dieser Schulen wurden Referenzpunkte für die Schüler und stehen am Ursprung dessen, was man die Koan oder „öffentliche Fälle“ nennt.

 

In dieser besonders fruchtbaren und produktiven Zeit beginnt die dritte Periode der Ausbreitung des Chan (Song-Dynastie). Es entsteht eine immer raffiniertere Literatur, mit Schulen, die ihre Besonderheit und Originalität mit solch einem Rigorismus vertreten, dass die Heilmittel selbst schon wieder im Begriff waren, neue Krankheiten hervorzubringen. So fand zum Beispiel im zwölften Jahrhundert die berühmte, aber auch nicht ganz unproblematische Auseinandersetzung  zwischen Wanshi Sogaku, einem Schüler von Tanka Shishun von der Soto-Linie, und Daie Soko, einem Schüler von Engo Kokuon statt, der das Hekiganroku verfasst hatte, eine kommentierte Zusammenstellung von Koans der Rinzai-Linie.

 

Wanshi Sogaku (1091-1157) gilt als derjenige, der der darniederliegenden Soto-Linie wieder Leben verliehen hat, indem er der Shikantaza-Praxis wieder ihre wahre Bedeutung zurückgegeben hat. Nach und nach war Zazen eine quietistische Praxis geworden, der jeglicher Geist des Erwachens abhanden gekommen war und bei der die Mönche mehr vor sich hinschlummerten als meditierten. Da die Mönche einem der geistigen Leere ähnlichen Zustand verfallen waren, konnten sie den Anforderungen des Alltags nicht mehr gerecht werden, vor allem was ihren gesellschaftlichen Umgang mit den Laien betraf. Die sehr tiefen Texte Wanshis sind als Antwort auf die berechtigte Kritik und Missbilligung zahlreicher Meister und vor allem von Dai’e Soku zu verstehen, so zum Beispiel das Mokushoka, wo er Shikantaza seine wahre Dimension und sein Geheimnis zurückgibt.

 

 

Dai’e Soko selbst hatte ein ganz anderes Problem. Seine Schüler studierten mit viel Energie die Koan des Hekiganroku und taten dies mit so viel Eifer und Leidenschaft, dass sie es auswendig lernten und somit alle Spontaneität verloren. Außerdem begannen sie, in Mondos die alten Meister zu imitieren, und verwandelten sie so in intellektuelle Wortgefechte. Die Konfusion wurde so groß, dass Dai’e Soku eines Tages das von seinem Meister geschriebene Original des Hekiganroku nahm und es in der Mitte des Tempelhofes verbrannte.

 

Im Grunde genommen waren sich Wanshi und Dai’e spirituell sehr nah und ihr Verhältnis, das auf einem scheinbaren Gegensatz beruhte, war in Wirklichkeit eine echte dharmische Zusammenarbeit. Worauf es ihnen vor allem ankam, war weder die Größe ihrer Sangha, noch die Weitergabe ihres Schulstils, sondern es war ihnen nur wichtig, ihren Schülern eine echte Praxis des Erwachens zu hinterlassen. Die Geschichte dieser beiden Meister ist von großem gegenseitigen Respekt geprägt, von einem so großen Vertrauen ineinander, dass Wanshi auf seine letzten Tage hin nicht zögerte, das Ende seines Werks Dai’e anzuvertrauen. Vor allem aber teilten sie den gleichen hohen Anspruch, der keine Abstriche bei der Weitergabe des Dharma erlaubte.

 

 

Koan

 

Die Koan-Praxis ist in China zu Beginn der Song-Dynastie, in der Mitte des zehnten Jahrhunderts entstanden. Die geläufige Übersetzung ist „öffentlicher Fall“. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes bezeichnete ein offizielles, vom Kaiser von China herausgegebenes Dokument, das auf den Schreibtischen der Beamten lag und darauf wartete, öffentlich ausgehängt zu werden. Es versteht sich von selbst, dass das betreffende Gesetz nicht in Frage gestellt und auch nicht diskutiert werden konnte, sondern an jeden Einzelnen in gleicher Weise gerichtet war.

 

Das Zen-Koan bringt dasselbe zum Ausdruck, aber auf der Ebene des Dharma: ein nicht zu diskutierender Ausdruck der realen Sache, der sich an jeden wendet, unabhängig von dessen Rang oder Erfahrung. Eine andere Möglichkeit, das Wort zu lesen, ist: Ko, die von der Gemeinschaft geteilte, öffentliche Sache, was alle Unterschiede und Besonderheiten verschwinden lässt. An: Sich um das kümmern, was man zu tun hat, und das niemand außer einem selbst machen kann. Unsere Verantwortlichkeit als Individuum, mit unseren Eigenschaften und unserer Persönlichkeit.

 

In dieser Hinsicht bringt das Koan unsere Lebenswirklichkeit zum Ausdruck: sowohl einzigartig, individuell als auch universal und vollkommen der wechselseitigen Abhängigkeit unterworfen. Es drückt somit auf klare Weise die Wirklichkeit von Zazen aus: Niemand außer uns selbst kann das praktizieren und verwirklichen, was alle Menschen und alle Existenzen, belebt oder unbelebt, gemein haben: das Dharma Buddhas.

 

Dergestalt war also wohl der historische Kontext, in dem Wanshi, bedacht darum, seine Mönche zu erwecken (oder zumindest aufzuwecken), hundert Koan sammelte, die ihm die Shikantaza-Praxis zu verdeutlichen schienen. Für jedes dieser Koan schrieb er einen Kommentar in Gedichtform und zeigte dabei großes Talent, eine bemerkenswerte Bildung und vor allem vollkommenes Erwachen.

 

Einige Jahrzehnte später nahm Wansong Xingxiu, ein Zeitgenosse von Tendo Nyojo, dem Meister Dogens, dessen Linie auch auf Fuyo Dokai zurückgeht, das Werk von Wanshi wieder auf. Er fügte jedem Koan eine Einleitung hinzu, einen Kommentar sowie „zusätzliche Worte“, was typisch für den Stil seiner Zeit war. Er verhalf somit dem Shoyoroku (wörtlich: das Buch der Gelassenheit oder des Gleichmuts) zu seiner heutigen Gestalt. Seit mehreren Jahrhunderten gilt das Shoyoroku als das Koan-Buch der Soto-Schule und wird von den Meistern kommentiert und den Schülern studiert.

 

Die Vorstellung, das Koan-Studium sei nur der Rinazai-Schule vorbehalten, während das Soto sich nur auf Shikantaza konzentriere, greift ganz offensichtlich zu kurz. Seien es Wanshi im elften Jahrhundert, Dogen im dreizehnten (der das Shinji Shobogenzo, eine Sammlung von dreihundertein Koan zusammengetragen hat) oder Keizan zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts mit seinem Denko-roku, alle großen Meister, die die Shikantaza-Praxis als Grundlage unserer Schule gelehrt haben, griffen dabei vor allem auf das Mittel der Koan zurück. Die beiden Schulen unterscheiden sich eher in der Art und Weise die Koan zu studieren und benutzen. Die Koan bringen letztendlich nur auf wunderbare Weise Shu – sho zum Ausdruck: Praxis und Erwachen sind eins.

 

 

Die Struktur des Textes

 

Jeder im Shoyoroku behandelte Fall folgt einer genau definierten Struktur. Zuerst eine Einleitung von Wansong Xingxiu, der den Rahmen absteckt und gewisse Perspektiven aufzeigt, indem er meistens eine Frage stellt, die in Zusammenhang mit dem Fall steht. Dadurch entsteht beim Leser ein unmittelbares Bedürfnis, eine Antwort auf diese Frage zu bekommen. Zum Beispiel im fünften Kapitel: „Siddharta schnitt sich sein eigenes Fleisch ab, um es seinen Eltern zu geben. Er ging dennoch nicht in die Legendensammlung der ganz ihren Eltern hingegebenen Kinder ein. Devadatta versetzte einen Berg, um den Buddha zu zermalmen, aber hatte er Angst vor dem plötzlichen Donnerlärm? Nachdem ihr den Dornenwald durchquert und den Sandelholzbaum gefällt habt: wartet nur darauf, dass das Jahr zu Ende geht. Wie in der Vergangenheit ist der Vorfrühling noch kalt. Wo ist Körper der Wirklichkeit Buddhas?“

 

Von geschichtlichen Bezügen zum Buddhismus ausgehend, führt uns jeder Satz sofort zur Zazenpraxis. Im erwähnten Text ist der Dornenwald nichts anderes als das Dojo und der Sandelholzbaum das Samadhi von Zazen. Die Schlussfrage zeigt die wahre Dimension des Falls, der daran anschließend dargelegt werden wird und ist somit selbst ein wahres Koan an sich. Dann kommt der Fall Wanshis, der entweder eine traditionelle Geschichte aus einem Mondo zwischen einem der großen indischen oder chinesischen Meister mit einem Schüler oder aber ein Abschnitt aus einem Sutra ist.[1] Der Fall drückt immer einen Aspekt von Shu-Sho (Praxis-Erwachen) und von der Kunst der Unterweisung in unserer Schule aus. Bezeichnend ist wiederum der Fall im fünften Kapitel: „Ein Mönch fragte Seigen Gyoshi: Welche ist die große Bedeutung des Buddhismus?Seigen antwortete: Was kostet der Reis in Luling?[2]

 

Man findet manche der im Shyoroku aufgeführten Koan auch in anderen berühmten Sammlungen der Rinzai-Tradition, so zum Beispiel im Mumon kan, das einige Jahre später von Wumen verfasst worden ist, sowie im Hekiganroku, in dem Engo Koans und Gedichte von Setcho zusammengestellt hat, und das ein paar Jahre vor dem Shoyoroku verfasst worden ist. So das Koan „Mu“ von Joshu, „die zweigeteilte Katze“ von Nansen oder „der wilde Fuchs“  von Hyakujo, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Wie dem auch sei, die übergroße Mehrzahl der von Wanshi gesammelten Koan haben eindeutig einen engen Zusammenhang mit Shikantaza und dem Herz seiner Lehre: der stillen Erleuchtung.

 

Nach dem von Wanshi berichteten Fall, macht Wansong seine eigenen, in Prosa gehaltenen Kommentare. Wansongs Einlassungen sind auf keinen Fall Erklärungen der angeführten Koan. Vielmehr führt er uns in eine Welt, wo die Logik nicht mehr gefragt ist und wo die Poesie, der Humor und eine „Sprache ohne Knochen“ es ermöglichen, das Koan selbst darzustellen. Dies gelingt ihm, ausgehend von anderen Koan oder Geschichten, in denen alte Meister vorkommen, und auch ausgehend von unzähligen Bezügen zur Kultur des Buddhismus, des Chan, des Tao, des Konfuzianismus oder einfach nur der chinesischen Geschichte. So kann man jeden Kommentar tausend Mal lesen und wird jedes Mal eine andere Ahnung davon bekommen. Wansong hat wirklich einen bemerkenswerten Stil, sein Verständnis des Wegs und das Feingefühl, mit dem er dem Lesen neue Perspektiven eröffnet, sind erstaunlich.

 

Mit seiner großen Bildung gleicht Wansong einem Meister der expressionistischen Malerei. Er hat viele verschieden Pinselführungen und eine sehr große Palette an Farben. So erstellt er ein lebendiges Bild, worin unser rationaler Geist sich verliert und unser eigenes Orientierungssystem den Halt verliert. Sein Bild zeigt immer nur die Wirklichkeit selbst.

 

Wansongs Kommentar stellt somit immer eine Verbindung zwischen dem Koan und dessen poetischem Ausdruck durch Wanshi her. Der Kommentar im fünften Kapitel ist in dieser Hinsicht ganz bezeichnend: „Als Seigen Gyoshi zum ersten Mal den sechsten Patriarchen traf, fragte er ihn sofort: Was muss man tun, um auf den Etappen und Stufen nicht zu fallen?[3] Eno sagte: Was haben Sie gemacht? Seigen antwortete: Ich praktiziere nicht einmal die heiligen Wahrheiten.[4] Der sechste Patriach erwiderte: Wenn selbst die heiligen Wahrheiten nicht praktiziert werden, wo seht Ihr Etappen und Stufen?

 

E’nô sah sofort die große Begabung von Seigen und obwohl seine Gemeinschaft sehr groß war, blieb Seigen immer der erste Schüler. Das ist ganz ähnlich wie bei Eka, der still blieb und zu dem Bodhidharma sagte: "Sie haben mein Mark".

 

Wenn man die Frage dieses Mönchs zum Thema der letzten Bedeutung des Buddhismus betrachtet, kann man denken, dass er ein richtiger Anfänger war, frisch im Kloster angekommen. Aber er wollte schon mit Manjusri die Eisenberge umrunden...  Seigen war ein Mann, der nicht einmal die heiligen Wahrheiten praktizierte, jedoch machte er aus dieser Begegnung ein gewöhnliches Treffen, indem er beim Weggehen den Kopf drehte und rief: „Wie hoch ist der Preis für Reis in Luling? Manche sagen: Den Preis für Reis in Luling kann man nicht schätzen. Hierdurch bemerken sie nicht einmal, dass sie schon in den Details stecken und einen Laden aufgemacht haben. Wollt ihr vermeiden, mit solchen Leuten zusammen sein zu müssen? Dann fragt Wanshi, sein Gedicht lautet:

 

"Die Verwirklichung des großen Friedens ist von außen nicht erkennbar. Die familiäre Lebensweise der Bauern gehört zu den vollkommensten. Sie interessieren sich nur für die Lieder des Dorfes und die öffentlichen Feiern. Woher sollten sie die Tugenden von Shun und das Wohlwollen des Yao kennen?“[5]

 

Jedes der hundert von Wanshi im Shoyoroku geschriebenen Gedichte ist eine kleine Perle des Erwachens und der Klarsicht. Oft komplex durch die vielen Verweise auf die Geschichte und auf die buddhistische Kultur, ist ihr Ausdruck doch immer von einer großen Einfachheit und kann auf verschiedenen Ebenen verstanden werden. Auch hierzu gibt Wansong wertvolle Kommentare. In Bezug auf dieses Gedicht sagt er:

 

„Im Jahre 832, während der Regentschaft des Kaisers Wenzong der Tang Dynastie, war Niu Sengru Premierminister. Der Kaiser fragte ihn: Wann wird es Frieden geben im Land?

Sengru antwortete: Eine Regierung des Friedens hat keine spezielle Form. Heutzutage versuchen die Nachbarländer nicht, uns einzunehmen und die Bauern verlassen das Königreich nicht; obwohl es nicht die bestmögliche Ordnung ist, kann man sagen, dass es eine gesunde Ordnung ist. Wenn Eure Majestät einen besseren als diesen Frieden sucht, steht das außerhalb meiner Kompetenzen. Dann bat er zum wiederholten Mal darum, seine Funktionen niederlegen zu dürfen. Der Kaiser sandte ihn als Inspektor in die Provinz Huainan.

 

Ich sage: er erschaffte bereits ein Modell, er skizzierte ein Portrait. Wenn man in einem rustikalen Stil mit den Füßen auf den Boden stampft und dazu populäre Lieder singt, werden rituelle Musik und literarische Verzierungen zu bizarren Formen. Der Preis für Reis in Luling hat eine extrem tiefe und mysteriöse Bedeutung. Die Tugend von Shun und das Wohlwollen von Yao - ihre Aufrichtigkeit hatte einen natürlichen Einfluss. Wie könnte man die öffentlichen Feiern und die Lieder des Dorfes mit ihnen vergleichen? Der Mond ist klar, der Wind ist rein - alles verweilt in seinem eigenen Zustand. Versteht Ihr? Dann kehrt zurück ins Dojo.“

 

Zum Schluss und wie es die Tradition in dieser Art von Kommentar verlangte, nimmt Wansong jeden Satz des Falls und des Gedichts von Wanshi auf und gibt ihm eine andere Erklärung, oft mit viel Humor, immer mit einer außergewöhnlichen Lebendigkeit:

 

„Ein Mönch fragte Seigen: Was ist die große Bedeutung des Buddhismus?

 

Ein untergeordneter Verantwortlicher denkt oft an die Regeln.

 

Seigen antwortete: Wie hoch ist der Preis für Reis in Luling?

 

Ein alter General spricht nicht von der Tatsache, in der Armee zu sein.

 

Die Verwirklichung des großen Friedens ist äußerlich nicht erkennbar.

 

Ist der Stern auf der Fahne schon erschienen?[6]

 

Die familiäre Lebensweise der Bauern gehört zu den vollkommensten.

 

Was betrifft es mich, der ich mein Feld bestelle und meine Reisbällchen forme?[7]

 

Nur an den Liedern des Dorfes und den öffentlichen Festen interessiert, ist das arme Phantom nicht wirklich lebendig.

 

Woher sollten sie die Tugenden von Shun und das Wohlwollen von Yao kennen?

 

So verwirklichen sie die Loyalität und den Geist des Kindes.“[8]

 

 

Der erste Fall des Shoyoroku ist sicher der aussagekräftigste, denn er enthält auf gewisse Weise die neunundneunzig anderen. Dieser erste Fall ist auch der zweiundneunzigste Fall des Hekiganroku, das von Engo, dem Meister von Dai'e Soko, zusammengestellt wurde.

 

„Der von der Welt Verehrte stieg auf den Stuhl des Meisters.“

 

Einleitung von Wansong:

 

„Die Tür schließen und schlafen ist die Art und Weise, wie man die höchstbegabtesten Personen empfängt. Beobachten, nachdenken, sich Mühe geben sind die geeigneten Mittel für Leute von gewöhnlichem oder niedrigem Charakter. Wie kann man das vereinbaren mit der Tatsache, sich auf den aus Holz geschnitzten Stuhl zu setzen und Augen des Teufels zur Schau zu stellen? Wenn eine Person in dieser Versammlung nicht einverstanden ist, möge sie vortreten; Ihr könnt sie nicht tadeln.“

 

Der Fall von Wanshi:

 

„Eines Tages stieg der von der Welt Verehrte auf den Stuhl.

Manjusri schlug das Holz und sagte: Beobachtet auf klare Weise das Dharma des Dharma-Königs. Das Dharma des Dharma-Königs ist so.

Der von der Welt Verehrte stieg herab von seinem Stuhl.“

 

Kommentare von Wansong:

 

„Die zehn Attribute [9] perfekt verkörpern, in der Welt auftauchen als der einzig Verehrte, die Augenbrauen heben, lebendig werden: man nennt dies in den Schulen "auf den Stuhl des Meisters steigen" und in den Wäldern der Meditation "im Saal voranschreiten". Ehe ihr nicht in diesem Saal der Unterweisung ankommt und bevor ich mein Zimmer verlasse, wann erreicht ihr die Verwirklichung?

 

Das ist bereits Dahindämmern im Wiederkäuen. Habt ihr die Worte von Xuedou nicht gelesen: Wenn es jemanden gegeben hätte, der die unzähligen Bedeutungen in Bezug auf die Situationen verstanden hätte, wie im Sanskritwort ‚saindhava’[10], warum hätte Manjusri dann das Holz auch nur einmal schlagen sollen? Bei näherer Betrachtung hätte Xuedou nicht um das Salz (saindhava) bitten dürfen, wie kann ich ihm von da an ein Pferd (saindhava) bringen?    

 

Selbst wenn Manjusri, der altüberlieferte Lehrer der sieben Buddhas der Vergangenheit, sagt: Beobachtet auf klare Weise das Dharma des Königs des Dharma, das Dharma des Königs des Dharma ist so., muss er trotzdem erst die Nägel aus seinen Augen herausziehen und die Keile aus seinem Hinterkopf entfernen, um es verwirklichen zu können! Seit dieser Zeit, angekommen im Augenblick der Öffnung des Saals der Unterweisung, schlagen wir noch immer das Holz und sagen: Beobachtet auf klare Weise das Dharma des Königs des Dharma; das Dharma des Königs des Dharma ist so. und rufen damit diesen Präzedenzfall hervor. Nachdem er dies gesagt hatte, stieg der von der Welt Verehrte sofort von seinem Stuhl herab, behielt die eine Hälfte und bot die andere Hälfte Wanshi an, dessen Gedicht lautet:

 

Den einzigartigen Hauch der Realität - seht ihr ihn?

Ohne Unterlass lässt die Schöpfung das Weberschiffchen durch die Fäden gleiten, sie webt den antiken Brokat mit den Farben des Frühlings.

Aber was machen wir mit der Indiskretion von Manjusri?

 

Kommentare von Wansong:

 

Wanshi sagt: Den einzigartigen Hauch der Realität - seht ihr ihn? Der einzigartige Hauch der Realität; ist das Shakyamuni, der auf seinen Sitz steigt? Ist das Wanshi, der sein Gedicht rezitiert? Ist das meine nachträgliche Untersuchung? So sind es schon drei Ebenen geworden - welche davon ist der einzigartige Hauch der Realität? Jeder unter euch hat wirklich teil daran, aber ihr müßt es aufmerksam studieren.    

 

Er sagt auch: Ohne Unterlass läßt die Schöpfung das Weberschiffchen durch die Fäden gleiten. "Mutter der Evolution" und "Schöpfer" sind verschiedene Namen für die Erschaffung der Wesen. Der Konfuzianismus und der Taoismus gründen auf einer einzigen Energie, die buddhistische Tradition auf einem einzigen Geist. Guifeng hat gesagt, dass die ursprüngliche Energie immer noch eine Schöpfung des Geistes ist und dass sie ganz enthalten ist im Bilderfeld des Alaya-Bewußtseins. Ich, Wansong, sage, dass dies die wahre Quelle der Cao-Dong-Schule ist, der Lebenslinie der Buddhas und Patriarchen.

 

So wie der Schussfaden die Kette passiert, ist der Stoff dicht und von guter Qualität; ein Faden verlässt ständig das Weberschiffchen und produziert jedes Detail - wie kann man am gleichen Tag darüber sprechen als falsche Ursache oder Abwesenheit von Ursache?

 

Anschließend hält das Gedicht eine Lobrede auf die großzügige Fülle des von der Welt Verehrten, indem es sagt: Sie webt den antiken Brokat mit den Farben des Frühlings. Wie diese Insekten, die im Holz leben und scheinbar unsinnige Muster fabrizieren. Obwohl er seinen Wagen hinter verschlossenen Türen herstellt, passt sich der Wagen, wenn er ihn ausfährt, perfekt den Furchen des Weges an. 

 

Zum Schluss gibt er Manjusri eine strenge Antwort indem er erwidert: Aber was machen wir mit der Indiskretion von Manjusri? Manjusri schlug das Holz und der von der Welt Verehrte stieg von seinem Sitz herab; als Mahakashyapa das Holz schlug, tauchten Tausend Manjusris auf[11] - alles kommt von dieser gleichen Art von Situation. Warum laufen Versammeln und Gehenlassen nicht auf das Gleiche hinaus?

 

Aber sagt mir: Wo hat Manjusri etwas bekannt gemacht?

 

In dem er die Knospen des Pfefferstrauches vorsichtig öffnet, lässt er den freien Frühling auf die Zweige entweichen.

 

Von Wansong hinzugefügte Wörter: Der von der Welt Verehrte stieg auf seinen Sitz. Schaut an, heute macht er keine Mittagspause...

 

Manjusri schlug das Holz und sagte:  ... Das Dharma des Königs des Dharma ist so.

Ich weiß nicht, was er in seinem Kopf hat.     

 

Der von der Welt Verehrte stieg von seinem Sitz herab.

Verteilt die Karten an einem anderen Tag.

 

Der einzigartige Hauch der Realität ...

Laßt ihn nicht in Eure Augen blasen,

er ist besonders schwer zu vertreiben.

 

Ohne Unterlass läßt die Schöpfung das Weberschiffchen durch die Fäden gleiten.

Alle Unterschiede vermischen sich im Schussfaden.

 

Den antiken Brokat webend...

Ein großer Schüler ist wie unfähig.

 

Aber was machen wir mit der Indiskretion von Manjusri?

Yin und Yang wechseln sich nicht auf unregelmäßige Weise ab;

die Jahreszeiten überlappen sich nicht.

 

Meister Olivier Reigen Wang-Genh

 

 

Übersetzung des Shoyoroku ins Französische von Henry Durand und Olivier Wang-Genh, ausgehend von der englischen Übersetzung von Thomas Cleary "Das Buch der heiteren Gelassenheit", Edition Shambhala 1998.

 

Die folgenden Anmerkungen sind auf keinen Fall Erklärungen des Textes. Jedoch können einige Referenzen, die zur buddhistischen Basiskultur gehören, den Text verständlicher machen für Leser, die vielleicht nicht über dieses Vorwissen verfügen. 

 

 




[1] Der Fall 67 stammt aus einem Sutra: "Das Sutra der blühenden Verzierungen sagt: "Ich sehe jedoch, dass alle fühlenden Wesen, wo sie auch seien, vollständig die Weisheit und die Tugenden der erwachten Wesen besitzen, aber aufgrund ihrer falschen Vorstellungen und ihrer Anhaftungen ist es ihnen nicht bewusst!".

 

[2] Luling ist die Hauptstadt der Region in China, die für die Qualität ihres Reises am berühmtesten ist. Der Gerichtshof in Luling legte den Preis des Reises für alle anderen Regionen in China fest. Was gab es daher für das alltägliche Leben eines Chinesen Wichtigeres und von vitalerer Bedeutung als den Preis des Reises? Indem er dies antwortet auf die Frage: "Was ist die höchste Bedeutung des Buddhismus", will Seigen sagen: "die Unendlichkeit der Ursachen und Bedingungen, die Gesamtheit der wechselseitigen Abhängigkeit wird ausgedrückt durch den Preis des Reises in Luling, sucht den Buddhismus nicht außerhalb dieser Wirklichkeit."  

 

[3] Anspielung auf die berühmte Polemik, die zu jener Zeit herrschte zwischen der Schule des Nordens, die ein graduelles Erwachen predigte, basierend auf einer fortschreitenden Praxis (den Spiegel säubern) und der Schule des Südens, die lehrte, dass der Geist Buddha ist, sofort (kein Staub, kein Spiegel).  

 

[4] Die vier edlen Wahrheiten, besonders die vierte: Der Edle Achtfache Pfad.

 

[5] Yao und Shun sind die letzten Kaiser der mythischen Dynastie der Gründer des Reiches der Mitte vor 4000 Jahren. Man sagt, sie seien die Erfinder des Go-Spiels. Sie symbolisieren die Harmonie zwischen Himmel und Erde, zwischen der absoluten Ordnung und der gewöhnlichen Ordnung. Daher waren die Tugenden und das Wohlwollen ihre wesentlichen Qualitäten. 

 

[6] Traditionellerweise wurde eine Fahne im Eingang des Tempels gehisst, wenn ein Meister einen Vortrag über das Dharma hielt.   

 

[7] Dizang fragte einen Mönch: "Woher kommen Sie?", der Mönch sagte: "Aus dem Süden". "Wie steht es zur Zeit um den Buddhismus im Süden?", fragte Dizang; "Man diskutiert dort viel" sagte der Mönch. "Was betrifft mich das, der ich mein Feld bestelle und meine Reisbällchen forme?" "Aber was tun Sie für die Welt" fragte der Mönch. Dizang sagte, indem er den Kopf hob: "Was nennen Sie Welt?"

 

[8] Anspielung auf den ersten Satz der Einführung. 

 

[9] Nyoraï-Ôgu-Shôhenchi-Myôgyosoku-Zenseï-Sekenge-Mujoshi-Chôgojôbu- Tenninshi-Busseson : Derjenige, der so ist - der Heilige - der perfekt Erleuchtete - Vollkommen in Wissen und Handlung - Derjenige, der den richtigen Weg eingeschlagen hat - Derjenige, der die Welt kennt - Der Unvergleichliche - Erzieher der Menschen -  Lehrer der menschlichen Wesen und der Götter - der von der Welt Verehrte.

 

[10] Saindhava: ein Wort in Sanskrit, das in alten Zeiten vier verschiedene Sachen bedeuten konnte: Salz, Topf, Bad und Pferd. Je nach den Umständen weiß der wahre Schüler, welches Objekt er bringen soll, wenn der Meister "Saindhava" sagt. Siehe das 74. Kapitel des Shobogenzo: Ösaku sendaba. 

 

[11] Anspielung auf eine sehr alte Geschichte: Manjusri beschloss eines Tage, Ango zu praktizieren, das Sommer-Retreat, an einem Ort, der für Mönche verboten war, wo sich Bars und Bordelle befanden. Mahakashyapa, der reine Asket, wollte ihn aus der Sangha ausschließen, aber als er das Holz schlug, um die Mönche zu versammeln, tauchten tausend Manjusri auf. Welchen sollte er fortjagen?